Fair gewinnt

Die ILE Donau-Wald unterstützt mit dem Weltladen in Viechtach ein Projekt, hinter dem ein Team aus ehrenamtlichen Helfern schon seit über 35 Jahren steht – lange vor der Zeit, als fair gehandelte Produkte zur Trenderscheinung in den Discounterregalen wurden.

Für Brigitta Schlüter ist in diesen Tagen vieles neu und kein Tag gleicht dem anderen. Gerade steht sie steht hinter dem Tresen und bedient eine Kundin, während sie nebenbei immer wieder freundlich die Fragen ihrer neuen Kollegin beantwortet: „Wo steht nochmal die dunkle Schokolade?“ oder „Wie viel kostet die kleine Packung des Bohnen-Kaffees aus Nicaragua?“. Neben ihr steht eine große Regalwand mit einer Auswahl an Gewürzen und Süßigkeiten, auf der anderen Seite gibt es ausgestelltes Kunsthandwerk zu entdecken. Der Raum ist hell, es riecht warm, irgendwie einladend. Der Tresen, hinter dem Brigitta Schlüter steht, befindet sich im neuen Weltladen in Viechtach, der seit 1. September unter ihrer Leitung neu eröffnet hat.

Anders als die neuen Ladenräume ist Brigitta Schlüter allerdings schon etwas länger mit der Idee des fairen Handels verbunden. Bereits seit 40 Jahren beschäftigt sie sich aus ihrem kirchlichen Engagement heraus intensiv mit der Thematik. Begonnen hat diese Begeisterung in der Nähe von Frankfurt, wo sie zu dieser Zeit mit ihrem Mann lebte. „Ich war in unserer dortigen Kirchengemeinde sehr aktiv und bin dann auf das Thema Fairtrade aufmerksam geworden, als wir im Zuge einer Aktion eine Ordensschwester in Chile unterstützt haben.“ Diese Schwester habe damals Handarbeiten von chilenischen Frauen nach Deutschland zum Verkauf gebracht, Schlüter hat eben diese dann mit ihrer Kirchengemeinde verkauft und das erwirtschaftete Geld an die Produzentinnen zurücküberwiesen. Ab diesem Zeitpunkt sei sie persönlich komplett überzeugt von dem schönen Fairtrade-Gedanken gewesen. Das Besondere daran: Man spendet nicht einfach und drängt die Personen in keine Abhängigkeit – man bezahlt lediglich fair für Leistungen, die von hart arbeitenden Menschen erbracht wurden.

Als Brigitta Schlüter dann im Jahr 1983 mit ihrem Mann nach Viechtach zog und sich auch hier im Pfarrgemeinderat engagierte, fand sie mit Traudl Strasser und Angela Dauch zwei Partnerinnen, die gemeinsam mit ihr diese Idee eines Verkaufs von fairen Waren wie Kaffee, Schokolade oder Tee auch hier verwirklichen wollten – zunächst nur mehrere Male im Jahr. Da die Aktion über die Jahre aber immer erfolgreicher wurde, konnte mit der Eröffnung des damaligen „Dritte Welt Laden“ unter dem Dach der katholischen Kirche – genau genommen im Büro der Bücherei – der nächste Schritt gemacht werden.

Heute sitzt Schlüter während unseres Interviews in den neuen Geschäftsräumen mit großen Schaufenstern, heller Beleuchtung und professioneller Einrichtung. Bis hierhin sind aber auch über 30 Jahre vergangen, in denen sich der Weltladen, aber auch die Produkte, ständig weiterentwickelt haben. „Fairtrade in den 80ern bedeutete, dass man einen starken Magen für den bitteren Kaffee aus Nicaragua brauchte“, erklärt Schlüter lachend. Das habe sich aber zum Glück stark verändert.

Über die Zeit wurden die Öffnungszeiten immer weiter ausgebaut, es hat sich ein fester Kundenstamm etabliert, die bestimmte Produkte immer wieder dort kaufen. Allerdings stand der positiven Entwicklung auch immer wieder der auf nur 10 Quadratmeter Verkaufsfläche begrenzte Raum gegenüber. „Unsere Waren konnten in diesem Umfeld einfach nicht angemessen präsentiert werden“, erklärt Schlüter. Und so wurde seit dem Beitritt zum Trägerverein „Solidarität in der Einen Welt e.V.“ im Jahr 2016 und das somit größere Netzwerk auch eine Idee immer größer: Ein Umzug in neue Räume sollte es sein.

Was bedeutet Fairtrade?

Fairer Handel ist eine Handelspartnerschaft, die nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. Durch bessere Handelsbedingungen und die Sicherung sozialer Rechte für benachteiligte ProduzentInnen und ArbeiterInnen – insbesondere in den Ländern des Südens – leistet der Faire Handel einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung.

Fairer Handel ermöglicht Produzenten-Familien in Afrika, Asien und Lateinamerika, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die wichtigsten Kriterien des Fairen Handels sind gerechte Bezahlung, langfristige Handelsbeziehungen, Beratung bei Produktion und Vermarktung, Vorfinanzierung und Transparenz der Handelsbeziehungen sowie Ausschluss von ausbeuterischer Kinderarbeit.

Quelle: sidew.de

„Tatsächlich möglich gemacht hat uns diesen großen Schritt dann erst die Stadt Viechtach“, ist sich Brigitta Schlüter sicher. Als die Stadt im Jahr 2019 zur „Fair Trade Town“ wurde, bekam auch das Thema Weltladen immer mehr Aufmerksamkeit. Irgendwann kam dann der Bürgermeister Franz Wittmann auf sie zu und bot verschiedene Räume für eine Erweiterung an. In den folgenden Wochen und Monaten hätten sie einige Geschäfte besichtigt, allerdings hat davon nichts wirklich gepasst – bis dann endlich die Besichtigung in der Ringstraße 5 folgte. „Hier fühlen wir uns endlich angekommen.“, verdeutlicht Schlüter, als sie einen zufriedenen Blick durch den Raum schweifen lässt.

Im Herbst 2019 wurden dann die konkreten Planungen gestartet – und rund ein Jahr später konnte nur durch die tatkräftige Unterstützung aller ehrenamtlicher Helfer sowie die Förderung durch den Trägerverein, die Stadt sowie die ILE Donau-Wald am 1. September erstmals die neue Tür zum Weltladen Viechtach geöffnet werden.

Ab sofort gibt es auf einer fast fünfmal größeren Verkaufsfläche mit wiederverwerteten Verkaufsregalen und einer nachhaltigen Beleuchtung ein größeres Sortiment, auch die Öffnungszeiten konnten regelmäßiger und kundenfreundlicher gestaltet werden. „Das macht viel aus, wir merken es jetzt schon in steigenden Umsätzen – auch wenn das bei einem Team bestehend aus ausschließlich ehrenamtlichen Helfern einen großen logistischen Aufwand bedeutet“, erzählt Brigitta Schlüter. Der Laden werde von ca. 35 bis 40 Helfern gestemmt, die meisten davon seien bereits im Alter 60+ und von Anfang an dabei. Diese Details machen den Aufwand beinahe spürbar, verdeutlichen die Überzeugung von der Idee jedes einzelnen Helfers nur noch mehr. Obwohl weiterhin Bedarf an Helfern bestünde, sei es einfach schwierig, Jüngere zu finden – „dieses Ehrenamt lässt sich einfach nicht besonders gut mit normalen Arbeitszeiten verbinden.“

Brigitta Schlüter ist selbst 68 Jahre alt – andere Frauen in ihrem Alter denken eher an den Ruhestand. Im Gegensatz dazu hat sie in diesem Jahr mit der Neueröffnung nochmal ein besonderes Großprojekt gewagt. „Wenn ich es jetzt nicht mache, wann denn dann?“, sagt sie schulterzuckend – eine bewundernswerte Einstellung. „Es ist für mich einfach eine Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen verbunden mit viel Freude und einer sinnvollen Aufgabe für mich persönlich. Und außerdem hat jetzt einfach alles gepasst.“ Denn die Stadt ermögliche es, drei Jahre mietfrei zu bleiben, die Räume seien jetzt perfekt eingerichtet – ein Ergebnis, das ohne die Unterstützung der Stadt Viechtach und der ILE Donau-Wald nicht möglich gewesen wäre.

Wenn man den Fairtrade-Gedanken auch im Alltag gerne mehr beachten möchte, kann man sich an ein paar einfache Tipps von Brigitta Schlüter halten: „Zunächst einmal ist das Wort „fair“ als Begriff nicht geschützt und es gibt eine Vielzahl an Siegeln, wodurch man schnell den Überblick verliert. Als Grundregel kann man hier einfach immer auf das GEPA-Siegel achten, das für sehr strenge Kontrollkriterien steht.“ Obwohl es erfreulich sei, immer mehr faire Produkte auch im Supermarkt und Discounter zu finden, sei der Besuch im Fairtrade-Laden trotzdem immer zu empfehlen. „Bei uns wird man beraten, das ist besonders mir als ehemalige Lehrerin wichtig. Ich sehe schon einen gewissen Bildungsauftrag bei uns, denn auch heute wissen viele Leute noch nicht, was fairer Handel wirklich ist.“ Und zu guter Letzt könne eine ganz simple Faustregel unser Konsumverhalten positiv beeinflussen: „Fair statt mehr“. Dies bedeute zum Beispiel, sich lieber ab und zu ein gutes, fair gehandeltes Stück Schokolade zu gönnen, statt täglich eine Billigtafel zu essen, deren Kakao durch Kindersklaven in Afrika geerntet wurde.

Bevor Brigitta Schlüter sich freundlich verabschiedet, auf dem Weg durch den Laden und vorbei an bunten Verpackungen aus Lateinamerika und Afrika, gibt sie gerne zu guter Letzt noch ein paar persönliche Empfehlungen mit auf den Weg: „Ein absoluter Geheimtipp ist unser jetzt sehr umfangreiches Gewürzsortiment – alles Bio sowie einfach super im Geschmack! Und wer nach klassischen Fairtraide-Produkten sucht, sollte sich auf jeden Fall unsere vielfältige Kaffee-, Kakao- und Schokoladenauswahl ansehen, die mittlerweile durch hochwertige Verpackungen auch definitiv als Geschenk geeignet ist.“

Danach winkt sie zum Abschied. Mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht, das so nur jemand trägt, der täglich einer Aufgabe nachgeht, die ihn überzeugt und vollkommen erfüllt.